2026 – Richard Wirth

Für seine innovative Forschung und seinen Einsatz für die internationale Wissenschaftsgemeinde verleiht die Deutsche Mineralogische Gesellschaft Richard Wirth die Abraham-Gottlob-Werner-Medaille.

Richard Wirth ist bekannt als Spezialist der Transmissionselektronenmikroskopie. Seine Arbeiten zeigen aber, dass er weit mehr als Methodiker ist und auf einem weiten Feld der Mineralogie herausragende Beiträge geliefert hat.

1976 hat er das Diplom in Mineralogie an der Universität Würzburg erlangt und 1978 dort mit einem geochemischen Thema über die altpaläozoischen Basalte in Nordostbayern promoviert. Er war drei Jahre Postdoc am Institut für Metallphysik an der Universität Saarbrücken (bei Prof. Gleitner), gefolgt von Anstellungen an der Universität zu Köln, als Leiter des Institute of Advanced Materials in Saarbrücken (INM) und an der Ruhr-Universität Bochum. 1994 wurde er als Leiter des Transmissionselektronenmikroskopie-Labors (TEM) an das GFZ Potsdam berufen, das er bis 2020 geführt hat. Seit seiner Pensionierung ist er dort weiter als Gastwissenschaftler tätig.

Er hat als erster weltweit die focused ion beam Präparationsmethode (FIB) für die TEM in der Mineralogie bzw. in den Geowissenschaften eingeführt. Zusammen mit seiner Mitarbeiterin Anja Schreiber hat er das Labor dazu aufgebaut und die Methodik weiterentwickelt. Was besonders herauszuheben ist: Er hat diese Methode einer unglaublichen Vielzahl von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zur Verfügung gestellt, aus seiner Publikationsliste sind weltweit mehr als 1.000 Koautoren ersichtlich! Seine beiden grundlegenden Arbeiten aus den Jahren 2004 (im EJM) und 2009 (in Chemical Geology) sind zusammen weit über 1.200 mal zitiert worden.

Bei dieser Würdigung seiner von ihm entwickelten Methodik und seiner großen Kooperationsbereitschaft wird sein Beitrag zu bestimmten Themen in Mineralogie und Materialwisssenschaften leicht übersehen. Beispiele dazu sind seine Arbeiten über Diamant, die Einblicke ermöglicht haben, die ohne die Anwendung von TEM nicht denkbar wären. Es sind insbesondere die Identifikation von Einschlüssen, die wichtige Indizien für die Genese der Diamanten liefern. Zu diesen Einschlüssen gehören so extrem seltene Verbindungen wie Silicide, Nitride, karbonatitische Schmelze, und diverse Metalllegierungen, und ihm und seinen Koautoren ist es gelungen zu zeigen, dass Diamanten nicht nur Hochdruck-Hochtemperatur Indikatoren sind, sondern auch bei anderen Bedingungen (vulkanogen) durch Abscheidung aus der Gasphase entstehen können.

Auch das Mineral Zirkon, das Standardmineral für die radiometrische Altersbestimmung, hat sein Interesse gefunden. Die Ergebnisse über nanoskalige Einschlüsse von Pb haben gezeigt, dass eine solide Interpretation der Isotopengeochemie durch die TEM-Untersuchungen nicht nur auf eine bessere Basis gestellt wird, sondern auch die Möglichkeit eröffnet, Modellalter für die Überprägung und Pb-Mobilisierung zu liefern. Von besonderer Bedeutung sind diese Untersuchungen auch für die Impaktforschung, gezeigt an Beispielen vom Vredefort Dome und an Mondgesteinen von Apollo 15 und Apollo 16.

Die Bedeutung für radiometrische Altersbestimmung zeigt Richard Wirth ebenso am Beispiel von Monazit und Xenotim, bei denen metasomatische Überprägungen und Auflösungs-Ausfällungsphänomene eine besondere Rolle spielen, gerade auch bei niedrigen Temperaturen. Diese Untersuchungen illustrieren, dass in experimentell erzeugten Proben die TEM-Methodik unerlässlich ist – die Umwandlungserscheinungen sind oft nur im Nano-Maßstab erkennbar, spielen aber für die Interpretation der Isotopendaten eine entscheidende Rolle. Auf der atomaren Skala können Th und U sich in Fehlstellen ansammeln und damit zu diskordanten Altersdaten führen.

Einen weiteren wichtigen Beitrag liefern seine Arbeiten zu dem Themenbereich von Korngrenzphänomenen und Reaktionsmechanismen. In mehreren Arbeiten hat er zeigen können, dass eine amorphe Phase auf Korngrenzen existiert, die für den Reaktionsmechanismus bei Auflösungs-Wiederausfällungsreaktionen von großer Bedeutung ist. Die Bedeutung von solchen Beobachtungen geht weit über metamorphe Petrologie und Altersbestimmungen hinaus z. B. für die Verwitterung und Neubildung von Tonmineralen oder für das mechanische Verhalten von Gesteinen in Störungszonen.

Während die oben genannten Themenbereiche zur klassischen Mineralogie gehören, ist sein Engagement auf dem Bereich der organischen Geochemie und der Bio-Geo-Wechselwirkung eher unkonventionell, aber extrem innovativ. Biominerale in Knochen, Karbonatskeletten und fossilen Pilzen haben sein Interesse gefunden ebenso wie die biogene Bildung von Fe-Oxiden-Hydroxiden, vulkanisches Glas als Substrat für mikrobielles Leben, oder neuartige ungeordnete Ca-Phasen in coccolithophorischen Algen.

Die weltweite Anerkennung seiner Arbeiten zeigt sich nicht nur durch die vielen Zitate seiner Arbeiten, sondern auch in seinen Auszeichnungen: 2009 Fellow der Mineralogical Society of America; 2010 Fellow der Geological Society of America; 2010/2011 Visiting Professor an der Universität Wien (Österreich); 2005 W.F. James Chair in Science an der St. Francis Xavier Universität in Antigonish, Nova Scotia, Kanada; GFZ Research Awards in 2003 und 2005; 2013/2014 Distinguished Lecturer der Mineralogical Society of America und die Hawley Medaille 2014 der Canadian Mineralogical Society.

Für seine innovative Forschung und seinen Einsatz für die internationale Wissenschaftsgemeinde verleiht ihm die Deutsche Mineralogische Gesellschaft die Abraham-Gottlob-Werner-Medaille.

Gerhard Franz ∙ Berlin