Liebe DMG-Mitglieder,
als neu gewählte stellvertretende Vorsitzende möchte ich mich gerne mit ein paar Worten an Sie/Euch wenden. Zunächst möchte ich mich herzlich für das entgegengebrachte Vertrauen bedanken. Die Wahl hat mich sehr gefreut und gleichzeitig bin ich mir der damit verbundenen Verantwortung bewusst.
Wir befinden uns in einer Zeit großer Unsicherheiten. Neben den konkreten Herausforderungen, die beispielsweise der Klimawandel, die Energiekrise oder die Rohstoffverknappung mit sich bringen, stehen wir vor tiefgreifenden geopolitischen Veränderungen. Diese Entwicklung kann beängstigend wirken, gleichzeitig aber auch als Chance verstanden werden, aktiv die Zukunft mitzugestalten.
Ich habe an der Universität Würzburg studiert, und in einem Büro hing ein Schild mit der Aufschrift: „Die Mineralogie ist die Mutter aller Naturwissenschaften.“ Als Studierende fanden wir den Spruch zunächst witzig – doch er hat mich bis heute begleitet. Oft habe ich ihn in Gesprächen mit Freunden aus anderen Naturwissenschaften zitiert. Wer sich kurz aus der Routine löst, einen Blick über den Tellerrand wirft und dann zurück auf die Mineralogie schaut, erkennt, was diese Aussage wirklich bedeutet: die Mineralogie ist viel mehr als nur die Lehre von Mineralen und Gesteinen. Sie bildet eine Brücke zwischen vielen anderen Naturwissenschaften, wie der Geologie, der Chemie, der Physik oder den Werkstoffwissenschaften. Es ist eine äußerst breit aufgestellte, zugleich aber auch extrem präzise Wissenschaft – eine, die die Grundlagen vieler naturwissenschaftlicher Erkenntnisse liefert. Bei dem jährlichen gemeinsamen Sektionstreffen der Sektionen “Angewandte Mineralogie” und “Kristallographie” in Bad Windsheim wurde unsere wissenschaftliche Relevanz und Stärke wieder deutlich. Die studentischen Beiträge spiegelten die zentrale Rolle der Mineralogie für nachhaltige Technologien wider: von Feuerfestmaterialien über Biokeramiken bis hin zu innovativen Lösungen im Recycling von Batterien und der Entwicklung effizienter Solarzellenmaterialien. Ich kann nur sagen, die Veranstaltung hat unglaublich viel Spaß gemacht und gezeigt, wie vielfältig Mineralogie ist. Und auch bei der GeoMinBochum 2026 werden wieder zahlreiche Symposien zu topaktuellen Themen aus unseren Reihen organisiert, wie beispielsweise: spectroscopic methods in modern geosciences, mineral physics, minerals as advanced materials, advanced analytical methods: insights into challenging and dynamic (geo)material processes, mineralogy and innovation: solutions for sustainable and climate-neutral building materials, applied mineralogy and geochemistry of secondary raw materials along the cradle-to-grave pathway. Auch auf dieses Programm können wir uns wieder freuen und ich lade alle ein, sich zahlreich zu beteiligen.
Wir sehen also, die moderne Mineralogie ist keine rückwärtsgewandte Wissenschaft. Sie steht an der Schnittstelle von Grundlagenforschung und gesellschaftlicher Relevanz. Mit ihrem exakten Wissen um Bildung und Umwandlung von Mineralen und Gesteinen auf und in der Erde trägt sie entscheidend zu den zentralen Themen unserer Zeit bei. Themen, wie die Analyse natürlicher Ressourcen und die Entwicklung nachhaltiger Recyclingstrategien für seltene Erden und Metalle, gehören zu den zentralen Fragestellungen der Nachhaltigkeit. In Zeiten zunehmender Rohstoffknappheit ist es entscheidend, Stoffkreisläufe grundlegend zu verstehen und die Mineralogie leistet hierzu grundlegende Beiträge. Die Entwicklung intelligenter neuer Werkstoffe, inspiriert von der Natur, zeigt, dass die Mineralogie als Fachrichtung mitten im Geschehen steht. Warum überlassen wir Themen wie Energiespeicherung und -umwandlung ausschließlich anderen Naturwissenschaften? Tun wir nicht: schon heute arbeiten viele von uns an der Erforschung neuer Elektrodenmaterialien für Batterien, an thermischen Speichersystemen oder an der Nutzung geomaterialbasierter Lösungen – mit direktem Bezug zur Energie- und Klimawende. Mineralogische Prozesse im Kohlenstoffkreislauf, wie Carbonatisierung von Mineralen oder Gesteinen, bieten Lösungsansätze für CO₂-Entfernung aus der Atmosphäre und tragen damit direkt zu Fragen rund um den Klimawandel bei.
Mir ist es ein großes Anliegen, dass die Standorte, an denen mineralogische Forschung in all ihrer Breite und Tiefe betreiben wird, in Forschung und Lehre erhalten bleiben. Ich sehe keine andere Fachrichtung, die das Wissen von uns Mineraloginnen und Mineralogen, von den fächerübergreifenden theoretischen Grundlagen, den vielfältigen analytischen Methoden bis hin zu den technischen, industriellen Anwendungen, ersetzen kann. Ausbildung ist extrem wichtig. Ohne den gut ausgebildeten wissenschaftlichen Nachwuchs wird zukünftig keine mineralogische Forschung mehr möglich sein. Der fachliche Input wird fehlen, der den Zusammenhang von der atomaren Struktur eines Minerals hin zu großräumigen Bildungsprozessen von Mineralgefügen erklärt. Ohne Mineralogie droht das Verschwinden von Industriemineralog*innen, hochspezialisierten Fachkräften, die durch ihre methodisch vielfältige Ausbildung in Bereichen wie Baustoffe, Rohstoffverarbeitung oder Materialwissenschaften bereits heute einen entscheidenden Beitrag zur Nachhaltigkeit und Innovation leisten. Das wäre ein Verlust an Wissen, das über lange Zeiträume aufgebaut wurde. Ein Wissen, das nicht einfach ersetzt werden kann.
Die Zukunft der Mineralogie liegt nicht nur in unserer erfolgreichen Arbeit im Labor und im Gelände, sondern auch in der gesellschaftlichen Mitgestaltung. Ich wünsche mir, dass sich viele der Kolleginnen und Kollegen, die Mitglied der DMG sind, weiterhin oder auch neu aktiv in unsere Gesellschaft einbringen – mit ihrer Expertise, ihrer Kreativität und neuen Ideen. Nur gemeinsam können wir die Mineralogie als lebendige, zukunftsorientierte und gesellschaftlich relevante Fachrichtung erhalten und weiterentwickeln.
Eure/Ihre
Claudia Weidenthaler
